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Landgrabbing

BODEN DER WICHTIGSTE ROHSTOFF UNSERER ZEIT UNTERLIEGT WILDEN SPEKULATIONEN UND INVESTITIONEN GROSSER GELDGEBER. WIR SPRECHEN MIT CHRISTINE CHEMNITZ (HEINRICH BÖLL STIFTUNG) ÜBER DAS PHÄNOMEN LANDGRABBING UND DESSEN AUSWIRKUNGEN AUF DIE LANDWIRTSCHAFT IN DEUTSCHLAND UND DER WELT.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff “Landgrabbing”? (gerne auch im globalen Kontext)
Landgrabbing ist der kritische Begriff für Investitionen in große Landflächen. Es ist aber nicht nur die reine Größe, die unter dem Begriff gefasst wird sondern auch die Tatsache, dass die lokale Bevölkerung von diesen Investitionen kaum profitiert, häufig ihre Rechte missachtet werden und es weitestgehend an Transparenz über die Verträge und über die Deals selbst fehlt. Gerade in Ländern mit fragilen Demokratien und unsicheren Rechtssystemen kommt es durch Investitionen in große Landflächen zu massiver Vertreibung der lokalen Bevölkerung. So wurden zum Beispiel in Kambodscha viele tausend kleinbäuerliche Familien vertrieben, weil Agrarkonzern aus Thailand Zuckerrohr für den europäischen Markt anbauen wollten. Landgrabbing steht letztlich als Pseudonym für Intransparenz, Willkür, fehlende Rechte und/ oder fehlende demokratische Kontrollstrukturen bei Landkäufen.

Ist Landgrabbing demnach der neue Kolonialismus? Stichwort:Neokolonialismus?
Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff und zwar vor allem, weil ich nicht sicher bin, ob er letztlich nicht doch andere Strukturen beschreibt als die, die heute zu Landgrabbing führen und als die, die Landgrabbing hervorruft. So bitter es ist aber Landgrabbing ist Teil der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung des heutigen Agrarsystems in Kombination mit starken Machtungleichgewicht und fehlender Demokratie. Ich habe eher nicht den Eindruck, dass es sinnvoll ist, diese Entwicklung Begrifflich an die Kolonialzeit zu binden. Vielleicht verschwimmt dadurch sogar die Vielschichtigkeit des Problems.

Sprechen wir hier von einem neuen Phänomen? Wenn nicht, wie kam es zu dem verstärkten Interesse der vergangenen Jahre?
Im Grunde ist es natürlich kein wirklich neues Problem aber die Dimension ist neu. Wir hatten über Jahrzehnte niedrige Preise auf den Agrarmärkten. Investitionen in den Sektor haben sich kaum gelohnt, denn das Angebot stieg schneller als die Nachfrage und die Preise für Agrarprodukte waren eher niedrig. Das hat sich letztlich mit Beginn des neuen Jahrtausends langsam geändert und hat dann in den NullerJahren immer mehr an Fahrt aufgenommen: die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln wuchs, weil es immer mehr Menschen auf der Welt gibt; die Nachfrage nach Fleisch ist gestiegen, dadurch auch die Nachfrage nach Futtermitteln, dann wurden Agrartreibstoffe massiv staatlich gefördert und so kamen eine ganze Reihe von Faktoren zusammen, die dazu geführt haben, dass Investoren klar wurde: Die Preise für Agrarprodukte sind gut und werden auch eher hoch bleiben. Ackerland ist somit das perfekte Investitionsobjekt! Land ist knapp und die Nachfrage wird in den nächsten Jahren immer mehr steigen also verspricht es optimale Renditen. Hinzu kam, dass gleichzeitig zu diesen Entwicklungen die Finanzkrise die Welt erschüttert hat und viele Investoren neue sichere Anlageobjekte für ihr Geld gesucht haben.

Erinnern sie sich, dass die Deutsche Bank auf Brötchentüten für Investitionen in Land geworben haben? Um Flächen in welchen Größenordnungen handelt es sich? Wieviel Prozent an Fläche sind schon verkauft? In Deutschlandund weltweit?
Teil des Problems ist, dass das letztlich niemand so ganz genau weiß. Fehlende Transparenz ist ja zentraler Bestandteil von Landgrabbing. Die „Land Matrix Observatory“ hat sich zur Aufgabe gemacht mehr Informationen zusammen zu tragen. Sie haben derzeit Informationen über mehr als 1100 Deals die Abgeschlossen sind und eine Fläche von mehr als 40 Mio ha Land umfassen. Das ist mehr als die gesamte Fläche Deutschlands. Allerdings ist das wahrscheinlich nur ein kleiner Teil der wirklich getätigten Landdeals. Neben der fehlenden Transparenz kommt es immer auch auf die Frage an, was definiert man als Landgrab und was nicht. So hat die EU ja zum Beispiel riesige virtuelle Landimporte aufgrund der Sojaimporte aus Lateinamerika. Soja von mehr als 13 Mio Ha Land wird jedes Jahr importiert. Dennoch würde niemand von Landgrabbing sprechen. Aber klar ist, dass wir Europäer mit unseren heutigen Konsummustern einen sehr großen Landverbrauch haben, den wir bei weitem nicht durch unser eigenes Land decken können.

Welches sind die gefragtesten Zielländer und um was für Käufer handelt es sich? Private oder staatliche Investoren, Finanzdienstleister oder Investoren aus dem Ausland? Woher stammt der Großteil an Investoren?
Viele der gefragtesten Zielländer für Investitionen in Land liegen in Afrika. Die ländliche Bevölkerung ist in vielen afrikanischen Ländern nicht gut über ihre Rechte informiert und es fehlt an der Möglichkeit Landrechte, die ja häufig sogar kommunale und nicht individuelle Rechte sind einzufordern, geschweige denn einzuklagen. Die Investoren kommen besonders aus Europa und aus den arabischen Ländern. Wer die Investoren genau sind ist von Fall zu Fall unterschiedlich und hängt stark von der Motivation für die Investition ab: Die Rentenbanken suchen sichere Anlagen für ihr Geld, dann gibt es aber auch Staaten, wie z.B. viele der arabischen Länder, die aufgrund der wachsenden Bevölkerung auf der einen Seite und fehlender Niederschläge aufgrund des Klimawandels auf der anderen Seite ein echtes Problem haben ihre Bevölkerung langfristig zu ernähren. Nachdem im Jahr 2008/09 die Preise für Agrarprodukte stark angestiegen sind und viele Länder ihre Exporte gestoppt haben hat sich für die arabischen Länder gezeigt, in was für einer schwierigen Abhängigkeit zum Weltmarkt sie sich befinden. Daraufhin haben einige der Regierungen beschlossen Land in Äthiopien oder anderen afrikanischen Ländern zu pachten oder zu kaufen, um einen höheren Sebstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln zu erreichen und damit dann eine geringere Abhängigkeit vom Weltmarkt zu haben. Die letzte Gruppe Investoren sind schlicht nationale oder internationale Agrarkonzerne, die durch die Investition Produkte für den Weltmarkt produzieren wollen und damit recht schnell viel Geld verdienen.

Die Debatte wird kontrovers geführt: Die einen klagen den gierigen Investor an, der Land stiehlt und dadurch ärmere Länder ausbeutet, die anderen rühmen den wohltätigen Investor, der mit seinem Geld die Entwicklung armer Länder voran treibt. Was trifft zu? (hier auch in Bezug auf: Oft werden diese Investitionen im Ausland als “Entwicklungszusammenarbeit” verkauft. Trifft dies zu?)
Die Frage ist eher was ist ein Landgrab und was nicht – wenn wir also von Landgrabbing reden dann hat das selten Vorteile für die lokale Entwicklung und lokale Bevölkerung. Im Gegenteil – häufig wird ihnen ja gerade ihre einzige Einkommensquelle – ihr Land – genommen. Daher, auch verschiedene wissenschaftliche Studien haben sich das Phänomen angesehen und die Vorteile für Entwicklung als sehr gering eingestuft. Vorteile kann es ja nur dann geben, wenn durch die Investition entweder neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden, die besser sind als die vorher vorhandenen Einkommensquellen oder indem die Investition sogenannte „SpilloverEffekte“ hervorruft – das heißt, moderne Technologien und Anbauverfahren der ausländischen Investoren triggern eine Erneuerung der vorhandenen Strukturen und verbessern diese. Aber auch da haben Forscher und Zivilgesellschaft derzeit so gut wie keine positiven Beispiele zu verzeichnen.

Welche Folgen hat das für die ländliche Entwicklung, die Menschen (Bauern), die Wirtschaft?
Das ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. Es kann sein, dass die lokale Bevölkerung eine neue Beschäftigung bekommt, es kann sein, dass diese Beschäftigung besser oder schlechter ist als die vorherige Situation. Es kann aber auch sein und dass haben wir viel von unseren Partnern gehört und das ist auch in verschiedensten Veröffentlichungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen zu lesen – dass die lokale Bevölkerung durch die Investitionen vertrieben werden und es zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen kommt, die letztlich dazu führen, dass die vertriebenen Familien in absolute Armut abrutschen.

Was tut die Politik? Was können die Konsumenten tun? (hier: eher in Hinblick auf deutsche Landwirtschaft)
Die FAO hat im Jahr 2012 Leitlinien für den verantwortungsvollen Umgang mit Land herausgegeben. Die Leitlinien wurden auch von deutscher Seite stark vorangetrieben. Allerdings ist die Umsetzung der Leitlinien freiwillig und auch wenn die FAO in einem sehr guten Prozess ein wichtiges internationales Referenzdokument geschaffen hat sind sie nur so gut, wie ihre Umsetzung. Und genau da hapert es! Die Regierungen haben nur ein sehr begrenztes Interesse an der Umsetzung und die Zivilgesellschaft ist zunehmend in ihrer Arbeit zu Land eingeschränkt. Und auch die Rolle Deutschlands ist sehr ambivalent. Denn auch wenn das BMZ sehr aktiv dabei war die Leitlinien für den verantwortungsvollen Umgang mit Land voranzutreiben so verfolgt das Landwirtschaftsministerium weiter eine agrarpolitik, die auf den Importen von Land basiert und damit den Preis von Land weltweit in die höhe Treibt und Landgrabbing vorantreibt. Auch die Energiepolitik der EU ist sehr schwierig. Die EU sollte sofort ihre Politik zu Agrartreibstoffen überarbeiten. Biosprit macht nicht nur klimapolitisch keinen Sinn sondern ist auch ethisch eine absolute Katastrophe. Aber natürlich können nicht nur Politiker etwas tun – auch jeder und jede von uns kann so konsumieren, dass der eigene Landverbrauch sinkt und sich regional verankert: dazu muss der Fleischkonsum sinken. Denn aufgrund der Futtermittel hat Fleisch, gerade von Tieren die in industrieller Haltung mit Getreide und Soja gefüttert werden einen großen Flächenverbrauch. Wenn wir weniger Fleisch essen und dann noch von Tieren, die auf der Weide stehen verringert sich der Flächenverbrauch. Auch in Deutschland sind die Investition in Land stark gestiegen. Gerade heute schon große Betriebe wachsen, während kleine Betriebe aufgeben und junge Landwirte häufig Schwierigkeiten haben Land für den Aufbau eines eigenen Betriebs zu finden. Das bringt viele Probleme mit sich ist aber dennoch in keiner Weise zu vergleichen mit den Entwicklungen in Ländern wie Kambodscha oder Äthiopien. Während wir uns hier definitiv eine andere agrarstrukturelle Entwicklung wünschen geht es im globalen Süden häufig um existentielle Menschenrechtsverletzungen.

Wie können Sie sich diesen “Run” auf das Gut Land/Boden erklären? Was sind die Alternativen? Was für Projekte gibt es?
Das ist natürlich eine Frage der unterschiedlichen Ebenen: es lohnt sich, sich aktiv internationale Organisationen zu unterstützen, die sich kritisch mit Investitionen in Land beschäftigen und eine kritische Öffentlichkeit dafür hier in Deutschland aber auch weltweit zu schaffen. In Deutschland ist das zum Beispiel FIAN, Menschenrechtsverletzungen von Investoren im globalen Süden aufdecken. Dann können wir alle einen Beitrag leisten. Da geht es schlicht um die Überprüfung der eigenen Konsumstrukturen. Muss ich jeden Tag Fleisch essen, könnte ich ggf. weniger Essen und dafür mehr für die Qualität ausgeben? Das reduziert den einen Landverbrauch. Auch in Deutschland gibt es Organisationen, die die Akkumulation von Land in den Händen von wenigen aufbrechen wollen. So hat zum Beispiel die GLS Bank einen Bodenfonds gegründet und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft versucht Hofbesitzer, die den Betrieb bald aufgeben wollen mit Junglandwirten zusammen zu bringen, die keinen eigenen Hof haben.

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